Als schon das Nachbardorf fremd war
„Ben kızımı gurbete vermem.“ – „Ich gebe meine Tochter nicht in die Fremde.“
Das waren die Worte ihrer Mutter, als eine Familie aus dem Nachbardorf um die Hand der jungen Gülüzar für ihren Sohn angehalten hatte. Die Fremde, vor der die Mutter ihre Tochter bewahren wollte, war damals noch das Nachbardorf, das keine zehn Kilometer entfernt lag.
Doch es sollte anders kommen. Nicht die Fremde um die Ecke, nicht das Nachbardorf sollte es werden, sondern eine Fremde, die mehrere Landesgrenzen überschritt und fast 3000 Kilometer entfernt lag. Deutschland, von dem Gülüzar kaum etwas wusste, sollte in ihr Leben treten, noch bevor sie ahnen konnte, was dieses Wort eines Tages für sie bedeuten würde: Sorge, Hoffnung, Aufbruch und Trennung, später Nachzug und ein Bleiben, das nicht vorgesehen war.
Ihr Mann Ali, mein Vater, hatte in einer deutsch-amerikanischen Firma in Izmit gearbeitet. Er hatte das Schweißen gut gelernt, galt als fleißig und zuverlässig und erhielt eines Tages ein Arbeitsangebot, das sein Leben und das seiner Familie grundlegend verändern sollte. Nur einige Monate zuvor war das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland unterzeichnet worden. Junge, gesunde und arbeitswillige Männer sollten für eine begrenzte Zeit nach Deutschland gehen, dort arbeiten, Geld verdienen und anschließend wieder zurückkehren.
Für Ali öffnete sich damit eine Tür, für Gülüzar zugleich ein Raum voller Fragen.
Sie hatten zwei kleine Kinder, zwei Jahre und wenige Monate alt. Das jüngere war ich, noch zu klein, um mich an irgendetwas zu erinnern, aber Teil jener Sorge, die Gülüzar mit sich trug. Was würde ihren Mann in Deutschland erwarten? Was bedeutete es, in ein Land zu gehen, dessen Sprache, Menschen und Gewohnheiten man nicht kannte? Und was bedeutete es für eine junge Frau, mit kleinen Kindern zunächst zurückzubleiben, während der Mann in der Fremde den Traum von einem besseren Leben vorbereiten wollte?
„Ich bleibe nicht lange“, sagte er sinngemäß. Ein kurzer Aufenthalt sollte genügen. Danach würde man zurückkehren, mit dem Bau eines eigenen Hauses beginnen, ein unabhängigeres Leben führen, mit mehr Raum und weniger Einmischung von außen.
So begann vieles: mit Hoffnung, Sorge und dem Plan, dass die Fremde nur vorübergehend sein würde.
