Aus aktuellem Anlass

Am 30. Oktober 2026 jährt sich das Deutsch-Türkische Anwerbeabkommen zum 65. Mal. Für mich ist dieses Datum nicht nur ein historischer Anlass, sondern auch Teil der eigenen Familiengeschichte.

Als Autorin und frühe Zeitzeugin der zweiten Generation möchte ich mich zu Wort melden – zu Themen wie Migration, Fremd- und Anderssein im Inneren wie im Äußeren, zu Fragen von Identität und Zugehörigkeit und von Heimat, wie sie gedacht und gelebt wird. Ich möchte nicht nur auf Hindernisse aufmerksam machen, sondern den Blick auch auf Chancen lenken, die in Begegnungen und in weiteren Herausforderungen liegen können.

Wie alles begann

“Almanya işçi arıyor – Deutschland sucht Arbeiter”

“Türk isçileri için büyük fırsat – Große Chance für türkische Arbeiter!”

So oder so ähnlich waren die Schlagzeilen in den großen türkischen Zeitungen. Auch im Radio wurde in den staatlichen Sendern darüber ausführlich berichtet. Denn der türkische Staat wollte für diese Aktion möglichst viele junge Erwachsen im erwerbsfähigen Alter gewinnen. Schließlich war am 30. Oktober 1961 das Anwerbeabkommen mit Deutschland zustande gekommen.

Deutschland erlebte seit Mitte der 1950er Jahre einen wirtschaftlichen Aufschwung und brauchte dafür Arbeitskräfte und die Türkei erhoffte sich Entlastung angesichts der hohen Arbeitslosigkeit; zudem würden Devisen ins Land kommen, wenn deutsches Geld auf dem türkischen Markt zirkulieren würde. Betont wurde die Befristung auf zwei Jahre; nach dem Rotationsprinzip sollten die Arbeiter zurückkehren und durch andere ausgetauscht werden.

Unter denjenigen, die im Zusammenhang mit diesem Aufruf aufbrachen, war auch mein Vater. Knapp ein Jahr nach dem Vertragsabschluss betrat er infolge der Anwerbung durch eine deutsch-amerikanischen Firma deutschen Boden. Doch neben den mehrheitlich männlichen Ankömmlingen gab es auch eine beträchtliche Anzahl von Frauen — sei es als Vorausgehende oder als Nachfolgende —, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdienen. Vier von ihnen sollen hier auch zu Wort kommen.

Nach oben scrollen